Neue Chancen durch weniger formale Hierarchie

Agilere Organisationen lösen klassische Karrierelogiken zunehmend auf. Einfluss entsteht weniger über Titel und Linienverantwortung, sondern über:

  • Projektverantwortung

  • bereichsübergreifende Zusammenarbeit

  • informelle Führung

Das kann Frauen zugutekommen. Studien zeigen, dass Teams insbesondere dann leistungsfähiger sind, wenn Organisationen gezielt die Entwicklung von Frauen fördern – nicht allein durch Diversität, sondern durch aktive Unterstützung und Einbindung.

Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Kompetenzen wie Kommunikation, Koordination und Vernetzung – Fähigkeiten, die in klassischen Karrieresystemen oft unterschätzt wurden.

 

Informelle Macht wird zum entscheidenden Faktor

Mit dem Rückgang formaler Hierarchien verschieben sich Karriereentscheidungen zunehmend in informelle Strukturen. Genau hier zeigen sich jedoch stabile Ungleichheiten.

Eine viel zitierte Analyse der MIT Sloan School of Management zeigt:

  • Frauen erhalten häufig gleich gute oder bessere Leistungsbewertungen

  • werden aber um 8,3 % niedriger im Potenzial eingeschätzt

  • und rund 14 % seltener befördert

Das Problem liegt damit weniger in Leistung – sondern in der Zuschreibung von Zukunftspotenzial.

 

Netzwerke entscheiden – aber nicht für alle gleich

In flacheren Organisationen gewinnen Netzwerke weiter an Bedeutung. Doch sie wirken nicht neutral.

Forschung der ESMT Berlin zeigt:

  • Männer bauen häufiger direkte, hochstatusbezogene Kontakte auf

  • Frauen greifen stärker auf indirekte Netzwerke zurück

Gleichzeitig kann der Zugang zu einflussreichen Kontakten für Frauen ambivalent sein. Eine Studie von Carnegie Mellon University und University of Michigan zeigt, dass hochrangige Verbindungen zwar Ressourcen bieten, aber auch negative soziale Bewertungen verstärken können.

 

Flache Hierarchien schrecken Frauen teilweise ab

Besonders aufschlussreich ist eine Studie im Umfeld der Strategic Management Society:

  • Unternehmen, die „flache Hierarchien“ betonen, verzeichnen

    • 14 % weniger Interesse von Frauen

    • 28 % weniger Bewerbungen von Frauen

Grund ist vor allem die Wahrnehmung:

  • unklarer Karrierepfade

  • höherer Zusatzbelastung

  • geringerer struktureller Orientierung

 

Das strukturelle Problem: Weniger Hierarchie, mehr Informalität

Je weniger Karriere über formale Strukturen geregelt ist, desto stärker hängt sie ab von:

  • Sichtbarkeit in Projekten

  • Zugang zu Netzwerken
  • Zuschreibung von Potenzial

Genau diese Faktoren sind nachweislich anfällig für Bias.

Der aktuelle Bericht von McKinsey & Company und LeanIn.Org zeigt:

  • Frauen erhalten weniger Sponsorship und aktive Förderung

  • haben dadurch geringere Aufstiegschancen

  • und profitieren deutlich, wenn gezielte Unterstützung vorhanden ist

 

Was Organisationen jetzt tun müssen

Die zentrale Erkenntnis lautet:
Agilität schafft keine Chancengleichheit – sie verschiebt nur die Spielregeln.

Damit Frauen tatsächlich profitieren, braucht es gezielte strukturelle Maßnahmen:

  • Transparente Kriterien für Entwicklung und Beförderung

  • Faire Vergabe von sichtbaren Schlüsselprojekten

  • Aktives Sponsoring statt rein informeller Netzwerke

  • Systematische Kalibrierung von Potenzialbewertungen

 

Fazit: Der Wandel ist eine Chance – aber keine Selbstverständlichkeit

Flachere Organisationen können Frauenkarrieren beschleunigen, weil sie neue Formen von Führung sichtbar machen. Sie können aber ebenso bestehende Ungleichheiten verstärken, wenn Informalität strukturelle Klarheit ersetzt.

Der entscheidende Punkt ist daher nicht, wie agil oder flach eine Organisation ist –
sondern wie bewusst sie die Regeln von Sichtbarkeit, Einfluss und Aufstieg gestaltet.

Denn weniger Hierarchie bedeutet nur dann Fortschritt, wenn sie nicht zu weniger Fairness führt.

 

Quellenverzeichnis

 

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